Die Aktion Lese Pate

12. Oktober 2016 - Soziales Engagement
Die Aktion Lese Pate

Ist das Lesen von Büchern noch zeitgemäß?

In der heutigen Zeit ist ja alles online verfügbar. Da macht es kaum noch Sinn ein Buch in die Hand zu nehmen und mal eine Geschichte, eine Reportage oder ähnliches in Ruhe zu lesen. Da haben wir schon ein wichtiges Kriterium benannt: „Ruhe“. Wann haben wir Die schon. Und vor allen Dingen, wann haben Kinder dafür Zeit und Ruhe?

Die Initiative Mentor e.V. beschäftigt sich genau damit, mit dem Lesen. Mit dem Lesen in einem Augenblick der Ruhe und mit etwas Zeit. Denn die Lesekompetenz bei Kindern nimmt immer mehr ab. Und bei Jungen ist das noch viel intensiver als bei Mädchen. Und das ist deshalb nicht gut, weil aus der Lesekompetenz andere Kompetenzen abgeleitet werden, z.B. die Problemlösekompetenz. Da Jungen einfach nicht mehr genug lesen, haben sie bei der Lösung von Problemen einfach mehr Schwierigkeiten. Woran liegt das?

Wenn Jungen ein Buch lesen, möchten Sie einen Helden haben, dem sie in der Lösung seiner Herausforderungen folgen können. Sie brauchen etwas Distanz zur Geschichte und möchten beobachten, wie Ihr Held die Aufgaben der Geschichte bewältigt. Die Jungen schauen sich die Dinge ab, machen nach und probieren sich so aus.

Mädchen möchten Teil der Geschichte sein. Sie sind quasi selbst die Heldin. Damit stellen sie sich den Herausforderungen direkt und lösen diese auf ihre Weise.

Beide Wege führen zum Ziel. Keine ist besser, nur anders. Aber beide brauchen die Voraussetzung des Lesens. Dafür werden aber die Mädchen mehr begeistert als die Jungen. Und das liegt daran, dass der ausgesuchte Lesestoff von weiblichen Vorbildern ausgesucht wird. Die Mutter, die Kindergärtnerin, die Grundschullehrerin und auch auf den weiterführenden Schulen dominiert die weibliche Lehrerschaft. So wird automatisch weiblich geprägte Literatur angeboten. Es fehlt den Jungen schlicht an Vorbildern. Und das genau dann, wenn die Kinder etwa im Alter von 8 Jahren einen wichtigen Lern- und Entwicklungsschritt z.B. bei dem Thema Problemlösekompetenz machen.

Der Verein Mentor e.V. war zunächst geründet worden, um Kindern mit Migrationshintergrund in den Schulen mit dem Lesen und Vorlesen von Geschichten die deutsche Sprache näher zu bringen.

Der Verein ist kein Nachhilfe-Institut und auch kein Ergänzungsunterricht in den Schulen. Lesepaten nennen sich die Menschen, die Kindern beim Lesen Hilfestellung geben. Eine Stunde in der Woche. In der Regel nach dem Unterricht in der Schule. Mittlerweile ist es aber nicht mehr nur so, dass Kinder mit Migrationshintergrund betreut werden, sondern die Schulen suchen dringend Lesepaten auch für die deutschen Kinder und vor allen Dingen für die Jungen werden männliche Lesevorbilder gesucht.

Als ich meinen Vorbereitungskurs zum Lesepaten gemacht habe, konnte ich die Herausforderung konkret erleben. Ich war in einer Gruppe von 16 Lesepaten einer von zwei Männern. Und wenn man in diese Gruppe geschaut hat zeigte sich auch, dass die meisten Lesepaten im Ruhestand sind und so zu einer Generation gehören, welche lesen noch richtig gelernt haben und das Buch noch als eines der zentralen Informationsmedien ansehen. Dieser Vorbereitungskurs ist auch deshalb notwendig, um den Lesepaten- Ausweis zu bekommen. Der ist wiederum gerade für Männer wichtig. Denn wenn man heute als fremder Mann in eine Grundschule geht, trifft man regelmäßig auf kritisch schauende Frauen. Der Ausweis berechtigt aber in Hamburg auch zur Ausleihe von Büchern in jeder öffentlichen Bücher-Halle. Das ist prima, denn es gibt definitiv den Bedarf den geeigneten Lesestoff für Jungen oder Mädchen zu finden. Und hier kann man schon bei der Auswahl des Lesestoffes das Lese-Patenkind beteiligen.

Ich habe insgesamt vier Kinder betreut, Mädchen wie Jungen. Und tatsächlich habe ich festgestellt, Jungen lesen anders und sie lesen etwas Anderes. Und dass, was ich in einem Abendkurs gelernt hatte (lese Einleitung) zeigte sich tatsächlich. Jungen springen in einem Buch von vorne nach hinten und von hier nach dort. Also hatte ich ein Buch mit Kurzgeschichten oder ein Buch mit kurzen in sich abgeschlossenen Kapiteln. Bei den Mädchen war das anders. Hier ging es stringent von vorne nach hinten konsequent durch die Geschichte. Meine Lesepaten und ich haben dann beide gelesen. Das brachte viel Spaß, weil ich dann auch mal korrigiert werden durfte, erhöhte aber auch gleichzeitig die Konzentration und das Zuhören, ob ich auch wirklich alles richtig gelesen habe. Und ja, Konzentration ist wirklich ein Punkt. Eines meiner Lese-Paten musste zu Beginn der gemeinsamen Stunde erst mal was essen. Hatte einfach keine Zeit gehabt bis dahin. Ein anderes Lese-Patenkind hat erst mal ein kleines Trampolin benutz, um die überschüssige Energie nach einem halben Tag Sitzen zu kompensieren. Oder ich habe erst mal 15 Minuten Fußballübungen gespielt, einfach um den Energielevel und die Konzentration zu bekommen, die es für das Lesen braucht. Ein anderes Lese-Patenkind, war sehr still im Unterricht. Warum? – es hatte Angst Dinge falsch auszusprechen. Also hat mich die Lehrerin gebeten nicht nur zu lesen, sondern sich zu unterhalten. Und es ist durch Studien nachgewiesen. Eine Stunde pro Woche, kontinuierlich, sich Zeit nehmen für das Kind, mit Ruhe, bringt mehr Selbstvertrauen, mehr Sprachfertigkeiten, höhere Lesekompetenz einen besseren sprachlichen Ausdruck. Das entscheidende ist wirklich, dass man sich auf das Kind konzentriert und sich flexibel auf die Gestaltung der Stunde einlässt. Und eine Stunde geht wirklich schnell um. Das ist eine wirklich gute Investition.

Es passierte mir sogar, dass bei einem Termin mein Lese- Patenkind erkrankt war und somit die Stunde ausgefallen wäre. Da haben sich drei andere Kinder bei mir gemeldet und gefragt ob ich nicht mit Ihnen zusammen lesen würde. Das hat mich dann schon etwas nachdenklich gestimmt.

Mein Arbeitgeber hat diese Lesepaten Initiative unterstützt. Wir hatten das Glück, etwa 10 Gehminuten entfernt eine Grundschule zu haben, die diesem Thema auch noch sehr aufgeschlossen ist. Die Stunde galt als bezahlte Arbeitszeit, der Mitarbeitende musste nicht ausstempeln. Auch wurde der Bücherkauf unterstützt, wenn ein Buch denn unbedingt gekauft und nicht geliehen werden sollte. Und dann gab es firmenintern noch einen regelmäßigen Erfahrungsaustausch der Lesepaten.

Das war und ist für den Arbeitgeber insgesamt wenig aufwendig, hat aber eine große Wirkung. Und man kann mit einer Stunde sehr viel bewirken.

Wer mehr erfahren will : www.mentor-hamburg.de

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Autor: Helge Kochskämper

Personalmanager

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