Wie arbeiten wir in 20 Jahren?

5. Januar 2017 - Arbeitswelt der Zukunft
Wie arbeiten wir in 20 Jahren?

Die Hälfte der heutigen Jobs wird in ca. 20 Jahren von Robotern übernommen, schreiben zwei Wissenschaftler in einer Studie! Viele Menschen haben hierüber entweder noch nicht nachgedacht oder schenken dieser Aussage keinen Glauben. Eine große Anzahl Arbeitnehmer glaubt, dass es aufgrund der Digitalisierung (Internet der Dinge etc.) und der Robotik zwar Veränderungen geben wird, aber diese Veränderungen ihren Bereich nicht betreffen, da der Faktor Mensch in ihrem Job erhalten bleibt. Wie soll denn z.B. ein Roboter einen Polizisten, einen Redakteur oder eine Pflegekraft ersetzen?

Wir glauben das, was wir sehen und im privaten Alltagsleben und in den meisten Berufen gibt es keine Roboter und wird es auch in Zukunft nicht geben. Solche weit verbreiteten Überzeugungen sind deutlich zu kurz gedacht und auch gefährlich. Es gibt sie nämlich schon, die Roboter der Zukunft – nicht nur in der Fertigung. Und schon sehr bald sind sie in unserer Arbeitswelt und im Alltagsleben angekommen. Wie werden wir wohl in 20 Jahren arbeiten? Habe ich dann überhaupt noch einen Job?

Die Hochschule Ravensburg-Weingarten hat einen Roboter entwickelt, der das Leben von körperlich eingeschränkten Menschen erleichtern kann. Der Roboter kann Essen und Trinken aus der Küche holen, Getränke einschenken oder ein Buch aus dem Regal holen. Der Roboter ist eine sehr gute Hilfe im Alltag von behinderten Menschen. Die Alltagstauglichkeit dieses Roboters steht zwar noch am Anfang, aber die Entwicklung schreitet jeden Tag rasant voran. Die Japaner sind uns hier übrigens viele Schritte voraus. Auch in Japan werden Roboter für die Pflege von Menschen entwickelt, sogar mit menschlichem Aussehen. Bereits in wenigen Jahren wird die Serienproduktion diese Roboter möglich sein.

Kaum jemand kann sich vorstellen, dass in Zukunft Roboter als Polizisten zum Einsatz kommen. Ich melde einen Einbruch und der zu Hilfe eilende Streifenpolizist wird von einem Roboter begleitet (der irgendwann auch alleine agieren kann)? Auf der Autobahn kontrolliert mich ein Roboter und gibt mir ein Knöllchen für zu schnelles Fahren? Das gibt es doch nur im Science Fiction. Ja, noch! In wenigen Jahren werden wir uns nicht mehr mit der Frage beschäftigen, ob das möglich ist, sondern die ethischen und rechtlichen Fragen diskutieren.

In den Vereinigten Staaten von Amerika lassen Verlage Sportreportagen von Computern schreiben (selbstlernende Programme). Hier haben wir die ersten Ansätze, komplexe Arbeitsaufgaben von Computern durchführen zu lassen.

Selbstfahrende Autos und selbstfahrende LKWs werden die Arbeit von Kurierdiensten, Taxifahrern, Fahrschullehrer und LKW-Fahrern übernehmen. Roboter, die mit GPS und Vermessungstechnik ausgerüstet sind, werden die Aufgaben von Land- und Vermessungs-Ingenieuren durchführen.  Kassierer, Immobilienmakler, Kreditberater, Telefonisten, Autobahnpolizisten, Schlachter, Vermesser, Marktforscher etc. sind z.B. Berufe, die demnächst intensiv digital unterstützt oder komplett von Robotern übernommen werden. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass nicht nur einfache Tätigkeiten ersetzt werden, sondern auch anspruchsvolle, hoch komplexe Aufgaben betroffen sind. Die Finanz- und Versicherungswirtschaft, der Bankensektor und auch der Handel werden zukünftig ebenfalls mit deutlich weniger Arbeitsplätzen auskommen.

Audi schafft die Fließbandarbeit ab. Audi plant die Fertigung seiner Autos in Zukunft nicht mehr am Fließband. Statt der Fließbänder gibt es im Werk künftig 200 Montageinseln. Dieses radikale, neue Konzept erlaubt die individuelle Fertigung auf höchstem Niveau und bietet unschlagbare Vorteile. Weg von der gleichartigen Massenfertigung, hin zur individuellen Produktion. Und das bei einer Produktivitätssteigerung von ca. 20 %. Produkte und Services werden verfügbarer und austauschbarer und Audi liegt mit dieser Neuausrichtung voll im Trend des immer schneller werdenden und globalen Konsumverhaltens.

Volkswagen will zum Weltmarktführer bei der Elektromobilität aufsteigen und weltweit ca. 30.000 Arbeitsplätze abbauen. Die neuen Antriebstechniken werden Auswirkungen auf die gesamte Automobilindustrie und Zulieferindustrie haben. Obwohl diese Wirtschaftsbereiche ja bereits Vorreiter für Digitalisierung und Robotik sind, werden sie in Zukunft besonders stark betroffen sein. Der von VW prognostizierte Arbeitsplatzabbau wird nicht das Ende der Fahnenstange sein. Viele weitere Tausend werden bei den Zulieferern und Mitbewerbern folgen.

Bei VW sollen jedoch auch 9.000 neue Arbeitsplätze entstehen. Das betrifft nicht nur die Fertigung. In vielen anderen Branchen werden ebenfalls massenhaft neue Berufe entstehen. So werden z.B. die Bereiche stark zulegen, wo es darum geht Menschen zu helfen, ihre Persönlichkeit, ihre Identität zu entfalten und zu pflegen (Gesundheit, Soziale Bereiche, Bildung).

Veränderung bedeutet auch Bildung. Insbesondere bei der Bildung werden sich die aktuellen Lernmethoden in Schule und Beruf verändern müssen. Wir lernen heute die falschen Dinge. Auf die Vermittlung von Fachwissen können wir die Zukunft nicht aufbauen. Fachwissen verfällt zu schnell und Maschinen sind uns hierbei weit überlegen. Wir müssen uns und unseren Kindern andere Fähigkeiten vermitteln. So müssen wir z.B. die Fähigkeit, uns beruflich neu zu erfinden, bis ins hohe Alter deutlich steigern.

Wenn wir als groben Richtwert annehmen, dass für drei wegfallende Jobs ein neuer Job geschaffen wird, stellt sich die Frage was die Menschen machen, deren Job es nicht mehr gibt?

Wir haben rund 43 Millionen erwerbstätige in Deutschland. Theoretisch müssen sich davon 21,5 Millionen in den nächsten 20 Jahren einen neuen Job suchen – also jedes Jahr über 1 Millionen Menschen die in einen neuen/anderen Beruf wechseln. Da vermutlich aber nur für ein Drittel (oder weniger) der aussterbenden Berufe neue Jobs entstehen, werden 14 Millionen Menschen ohne Arbeit sein. Diese Aussage relativiert sich allerdings, da bis 2030 die Babyboomer in Rente gegangen sind (ca. 6 Millionen) und längst nicht so viele junge Menschen nachrücken.
Ein großer Teil der aktuellen Babyboomer-Jobs sind Fachkräfte und höher qualifizierte Jobs.  Allein in den Engpassberufen, das sind Berufe, in denen schon heute Fachkräfte schwer zu bekommen sind, werden in den nächsten 15 Jahren 2,1 Millionen Babyboomer in Rente gehen. Die Nachrücker, die diese Jobs besetzen, werden überwiegend qualifizierte und veränderungsbereite Menschen sein. Menschen die in Helferberufen (An- und Ungelernte) arbeiten (ca. 4,1 Millionen), müssen zukünftig wieder lernen zu lernen, um eine Chance in der neuen Arbeitswelt zu bekommen.

Es gibt Wissenschaftler, die prognostizieren, dass Roboter innerhalb von 30 Jahren die Weltarbeitslosigkeit auf 50 Prozent treiben und die sogenannte „Mittelschicht“ auslöschen könnten.

Wir werden auf eine Gesellschaft zusteuern, in der es viele alte Menschen und sehr viele Menschen ohne Arbeit geben wird. Wenn die Politik hier nicht weitsichtig steuert, könnte die Welt sich möglicherweise in viele Arme und sehr wenige Reiche aufteilen. Weitsichtig steuern bedeutet auch, dass keiner sich abgehängt fühlt, dass Arbeit, Freizeit und sinnvolle Beschäftigung neu definiert und neu gelebt werden muss und dass die Menschen hierbei wirtschaftlich unabhängig bleiben und keine Not leiden. Diese wirtschaftliche Unabhängigkeit ist vermutlich ein sehr wichtiger Schlüsselfaktor zur erfolgreichen Bildungen einer neuen Gesellschaftsform.

Unser Job ist jedoch nicht nur zum Geldverdienen da. Mindestens ebenso wichtig ist es, dass er Sinn und Identität stiftet. Was bleibt vom Menschen, wenn die Arbeit fehlt, wie werden wir uns alternativ beschäftigen und in welcher Gesellschaftsform werden wir in einer neuen „Globalen Netzwerkgesellschaft“ leben? Mal abgesehen davon, dass der Weg dorthin viele Gefahren birgt und eine Gesellschaft auch falsch abdriften kann, gibt es m. E. zu viele Unbekannte um hier eine Prognose zu wagen (z.B. die Zukunft der EU).

Sicher ist jedoch, dass es zukünftig kaum noch Menschen geben wird, die 40 Jahre im gleichen Job und Unternehmen arbeiten. Die meisten Menschen werden zwischendurch (mal kürzer, mal länger) arbeitslos sein. Sie werden häufiger den Job und die Aufgabe wechseln und auch als Quereinsteiger neu anfangen. Auch wenn es vielen Menschen schwerfällt, müssen wir lernen, Veränderungen als Chance zu betrachten. Die Ärmel hochkrempeln und es angehen. Mit einer positiven Einstellung zu neuen Aufgaben besteht eine gute Chance, in einem neuen Job Fuß zu fassen, unabhängig davon was wir mal gelernt haben. Musische Fähigkeiten (Ausdruck, Kunst, Musik), Mut, Kreativität, Verantwortung für die eigene Bildung, – das sind u. a. Kompetenzen für die Jobs der Zukunft.

Autor: Wolfgang Witt, Arbeitswelt der Zukunft

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